Erschwinglich und elektrisch: Das Urban Bike Orbea Gain F40 im Test

Beim Orbea Gain F40 handelt es sich um ein elektrisch unterstütztes Urban Bike bei dem die elektrischen Komponenten weitgehend unsichtbar verbaut sind. Der Akku mit 247 Wh Kapazität ist fest verbaut im Unterrohr, der Motor sitzt im Hinterrad und leistet Pedelec-typische 250 Watt mit einem Drehmoment von 40 Nm. Mit einem Preis von 1.899 Euro zählt das hier getestete Rad zu den günstigsten Vertretern dieser Gattung. Modelle der Konkurrenz liegen preislich teils deutlich darüber – und auch Orbea selbst bietet denselben Antrieb in anderen, teils deutlich teureren Rädern an. Im Test zeigt sich, wie sich dieses Antriebskonzept im Alltag schlägt.

Sportliches Design mit fast waagerechtem Oberrohr und gerader Gabel

Design

Im Vergleich zu den teils mehrfarbigen Vorjahresmodellen hat Orbea die 2019er Modellreihe der Gain Urban-Serie erfreulich minimalistisch gestaltet. Die Alurahmen sind stets matt lackiert und neben schwarz in außergewöhnlichen Farben erhältlich: Neben dem Mintgrün des Test-Modells gibt es das Rad auch in Hellblau und einem leuchtenden Rot. Die Beschriftungen sind unauffällig in Rahmenfarbe gedruckt und fallen hauptsächlich durch ihre glänzende Oberfläche auf. Alle anderen Anbauteile des Rads sind komplett in schwarz gehalten. Dank des fast waagerechten Oberrohrs, gerader Gabel (diese ist übrigens aus Carbon gefertigt) und den Felgen mit etwas höherem Profil wirkt das Rad zudem recht sportlich. Zum fast unsichtbaren Antriebskonzept gehören auch die unauffälligen Bedienelemente: Auf dem Oberrohr ist ein kleiner, aber präzise gefertigter Schalter mit LED-Ring namens iWoc One angebracht, zudem gibt es einen Daumenschalter an der linken Lenkerseite namens iWoc Trio. Somit kommt das Rad ganz ohne ein Display aus.

Angenehm zurückhaltend: dezente Labels passend zur Rahmenfarbe

Ausstattung

Beim Gain F40 handelt es sich um das Einsteigsmodell aus Orbeas Gain-Serie. Dem entsprechend bewegt sich auch die Ausstattung auf diesem Niveau: So kommt als Schaltung die 9-Gang Kettenschaltung Shimano Altus zum Einsatz, welche ebenso Standardware ist wie die hydraulischen Scheibenbremsen vom Typ MT200. Der Sattel Selle Royal Scientia A2 ist nicht hübsch aber realtiv bequem, die Reifen im 700x38C Format von Kenda sind sind kein Grip-Wunder und zudem auch ziemlich schwergewichtig. Insgesamt dominieren hier also Basiskomponenten, die schlicht und einfach funktionieren – und das ist ja die Hauptsache. Wer hier mehr möchte, kann entweder zu einem der anderen Gain Urban-Modelle (F30, F20, F10) mit teils besserer Ausstattung greifen oder das Rad selbst noch aufrüsten.

Basiskomponenten: 9-Gang „Altus“-Kettenschaltung
Bequem aber nicht gerade hübsch: Selle Royal-Sattel

Bedienung

Wie eingangs erwähnt, besitzt das Rad kein Display. Es verfügt aber über zwei Steuerelemente (iWoc One am Oberrohr und iWoc Trio am Lenker), welche beide teils identische Funktionen bieten. Der Lenkergriff bietet jedoch zusätzlich eine Schiebehilfe-Funktion und ein haptisches Feedback durch Vibration. Abgesehen davon bieten aber beide iWocs dieselben Funktionen: So lässt sich das Rad zunächst einschalten und zwischen den drei Unterstützungsstufen des Antriebs durchschalten. Die dargestellte LED-Farbe wechselt dann von grün (schwach), orange (mittel) bis hin zu rot (stark). Ist die Unterstützungsstufe eingestellt, wechselt die Farbe der LEDs zur Anzeige des Akkustands. Hier gibt es vier Abstufungen von weiß (100–75% Akkuladung), grün (75–50%), orange (50–25%) bis hin zu rot (25–0%). Neigt sich der Akku seinem endgültigen Ende zu, beginnt die rote Anzeige zudem zu blinken. Alles in allem ein einfaches System, das man nach kurzer Eingewöhnung intuitiv bedienen kann.

iWoc One Steuerelement auf dem Oberrohr
iWoc Trio mit zusätzlichen Funktionen am Lenker

Dass sich der Akku mit seinen rund 248 Wh im Unterrohr sitzt, wurde eingangs schon erwähnt. Er kann zum laden nicht entnommen werden, sehr wohl aber im Servicefall über eine Öffnung am Tretlager. Die Ladebuchse des Akkus ist zwischen Unterrohr und Sitzrohr positioniert und wird von einer etwas fummeligen Plastikabdeckung verschlossen. Hat man diese gelöst, ging es im Test ebenso fummelig weiter: Statt einem magnetischen Adapter kommt hier ein herkömmlicher Stecker zum Einsatz, der beim Einstecken genau positioniert sein will – immerhin ist ein kleiner Pfeil am Stecker eingeprägt, der die korrekte Richtung vorgibt. Der Ladevorgang dauert bei leerem Akku mit dem mitgelieferten Ladegerät rund 4 Stunden. Während des Ladens gibt das iWoc farblich Auskunft, wie voll der Akku schon ist. Das Ladegerät selbst besitzt nur eine LED, welche bei vollem Akku auf grün schaltet.

Ladebuchse mit Verschlussdeckel

Eine präzise Auskunft zum Ladezustand zeigt die kostenlose ebikemotion App an – diese läuft unter iOS und Android auf Smartphones und verbindet sich via Bluetooth mit dem Fahrrad. Allerdings verwundert die App mit ihrer vermeintlich exakten Angabe der Kapazität in Wh. So zeigt die App beim hier getesteten Modell maximal 237 Wh Kapazität des Akkus bei 100% an. Somit hätte der Akku schon bei Auslieferung rund 5% weniger Leistung als Orbea laut Datenblatt mit 248 Wh angibt. Sicherlich ist diese Abweichung nicht gravierend, allerdings finden sich auch einige Berichte, bei denen die angezeigte Kapazität deutlich niedriger ausfällt. Als Nutzer ist man somit eher verunsichert: weder ist klar wie verlässlich die Anzeige der App ist, noch weiß man welche Toleranzen bei der Akkuleistung im normalen Bereich liegen. Auch aus Herstellersicht wäre es sicherlich klüger gewesen, hier nur eine Prozentanzeige abzubilden.

Abgesehen davon ist die App in ihrer aktuellen Version grundsätzlich kein Glanzstück: sie soll zum Beispiel Fahrten aufzeichnen können, allerdings bricht die Verbindung stets nach wenigen Minuten ab. Zudem wirkt das Interface mit vielen verschiedenen Schriftgrößen etwas durcheinander. Vielleicht braucht es noch ein paar Updates, bis die App zufriedenstellend nutzbar ist. Basisinformationen wie die Anzeige der Geschwindigkeit werden jedoch problemlos angezeigt.

Und noch ein Wort zur Problematik, dass der Akku zum aufladen nicht entnommen werden kann: hier sollte man unbedingt sein persönliches Fahrprofil berücksichtigen. Denn wer zum Beispiel täglich eher kurze Strecken zurücklegt, muss das Rad womöglich nur ein- bis zweimal pro Woche aufladen – was dann schon deutlich weniger störend ist, als täglich das Rad zum Ladegerät bzw. zur Steckdose bewegen zu müssen.

Harmonisch abgestimmter Motor im Hinterrad

Fahreindruck

Vorweg ein kleiner Exkurs: Andere E-Bikes dieser Klasse (etwa die von Coboc und Ampler) sind mit einem Drehmomentsensor ausgestattet. Dieser sorgt dafür, dass die Kraft des Motors synchron zur Trittkraft des Fahrers einsetzt. Ergebnis ist ein harmonisches Fahrgefühl, welches dem klassischen Radfahren sehr nahe kommt: Tritt man stärker in die Pedale, bekommt man mehr Unterstützung.

Nun fehlt aber genau diese Messung des Drehmoments beim Mahle ebikemotion Antrieb; stattdessen wird nur registriert, ob sich die Kurbel dreht. Ist dies der Fall, stellt der Motor seine Kraft (je nach gewähltem Unterstützungsmodus) gleich voll zur Verfügung. Zugegebenermaßen gab es bei uns Skepsis gegenüber diesem System, verbunden mit der Sorge dass einen das Rad mehr durch die Gegend schiebt, als dass man tatsächlich beim aktiven Radfahren unterstütz wird. Doch schon nach den ersten Metern zeigt sich, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil, die Steuerung des ebikemotion Antriebs kann als gelungen bezeichnet werden.

Die Unterstützung setzt harmonisch beim ersten Treten ein, in höchster Unterstützungsstufe merkt man auch eine ordentliche Beschleunigung – in Summe ist der Antrieb aber sehr ausgewogen und das Bewegen des Rads fühlt sich weiterhin nach Fahrradfahren an! Unterstützt wird dies zudem von der ruhigen Arbeitsweise des Antriebs: Man vernimmt in ruhiger Umgebung nur ein leises Surren; doch schon im Stadtverkehr oder ab mittleren Geschwindigkeiten wird dies von Umgebungsgeräuschen überlagert. Letztlich trägt auch das relativ geringe Gewicht des Rads zum natürlichen Fahrgefühl eine klassischen Fahrrads bei: 15,4 kg wiegt das hier getestete Rad in der Rahmengröße L.

So lässt sich das Rad auch mit ausgeschaltetem Antrieb noch gut fahren, zumal der Motor dann keinen großen Widerstand leistet. Freiwillig wird man dies in der Praxis dann doch selten machen, weil das Rad mit eingeschaltetem Antrieb eben deutlich mehr Fahrspaß bietet. Zwangsläufig muss man dann aber bei Erreichen der Grenze von 25 km/h ohnehin ohne Motor auskommen, da dieser dann seine Unterstützung den Pedelec-Richtlinien entsprechend einstellen muss. Der Übergang ist hierbei sanft und kaum spürbar – auch hier zeigt sich die ausgewogene Abstimmung. Ebenso verhält es sich, wenn man zurück in den Bereich unterhalb von 25 km/h kommt und der Motor wieder einsetzt.

Die drei Fahrmodi sind recht unterschiedlich ausgelegt: Die kleinste Unterstützungsstufe ist zaghaft spürbar und gibt einem eher das Gefühl, den Rollwiderstand und Gegenwind auszugleichen. Mit den beiden stärkeren Stufen wird hingegen deutlich mehr Power abgegeben und das Rad wird auch in der Ebene deutlich spürbar beschleunigt. Hier kann man dann auch eine Eigenheit des relativ einfachen Antriebs beobachten: Rollt man dahin und und tritt „leer” mit den Pedalen mit, schiebt der Motor trotzdem mit voller Power weiter an. Allerdings arrangiert man sich schnell mit mit diesem zunächst ungewohnten Verhalten und nutzt macht es sich manchmal sogar zunutze.

Aussagen zur Reichweite des Akkus sind schwierig, da sie auch stets vom Fahrer, Fahrprofil und Strecke abhängig sind. Als Beispiel sei hier aber eine Fahrt mit 2×28 km mit Anstiegen und Abstiegen von jeweils 370 Höhenmetern genannt. Gefahren wurde stets in kleinster und mittlerer Stufe, bei Anstiegen wurde der stärkste Fahrmodus aktiviert. Am Ende waren von anfangs 100% Kapazität noch 18% übrig. Rechnet man diesen Verbrauch hoch, so käme man in diesem Fall auf eine Gesamtreichweite von rund 68 km.

Fast schon ein Schnäppchen: Orbea Gain F40

Abgesehen vom E-Antrieb ist das Gain F40 weitgehend unauffällig: Die Komponenten tun ihren Dienst, die Bremsanlage scheint für den urbanen Einsatz ausreichend dimensionert und mit den 9 Gängen kommt man in der Stadt sehr gut aus. Überraschend ist nur das für die Rahmengröße relativ kurze Oberrohr: So ist die Sitzposition des Gain komfortabler und weniger gestreckt, als man es zunächst vermuten würde.

Wer es sportlicher mag, kann einen etwas längeren Vorbau montieren. Doch nicht nur das: dank des günstigen Preises bietet sich das F40 auch als ideale Grundlage für weitere Umbaumaßnahmen an – für alle, die das Rad in Sachen Gewicht, Optik oder Ausstattung weiter individualisieren möchten. So stehen auch am hier getesteten Modell einige Änderungen an – dazu aber mehr in einem separaten Artikel.

Fazit

Mit der Gain-Serie scheint Orbea einen Volltreffer gelandet zu haben: Das hier getestete Gain F40 bietet alle technischen Vorteile des Mahle ebikemotion Antriebs, kombiniert mit einer soliden Basisausstattung für ein sportliches Urban Bike. Die eigentliche Sensation ist aber der Preis von knapp 1.900 Euro – das F40 ist somit der aktuell günstigste Vertreter unter den minimalistischen E-Bikes mit weitgehend unsichtbarer Technik. Ob man mit dem Konzept des fest verbauten Akkus im Alltag klarkommt, muss dabei jeder für sich selbst entscheiden. Auf der Habenseite stehen aber die damit verbundenen Vorteile eines leichtgewichtigen und optisch eleganten Rads. Der Antrieb ist technisch zwar recht simpel gehalten, erweist sich im Alltag aber als absolut ausreichend und steigert den Spaß am Radfahren deutlich!

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