Bosch und Nabenmotoren – diese Kombination gab es bislang nicht. Während die Schwaben den E-Bike-Markt über viele Jahre hinweg mit ihren Mittelmotoren geprägt haben, blieb das Segment der kompakten Hinterradantriebe anderen Herstellern überlassen. Mit der neuen Hub Line ändert sich das nun grundlegend. Erstmals bringt Bosch einen eigenen Nabenmotor auf den Markt und betritt damit ein Segment, in dem diese Antriebsart vor allem bei leichten und urbanen E-Bikes längst fest etabliert ist.

Denn gerade hier kommen die Vorteile zum tragen: Der Motor verschwindet nahezu unsichtbar im Hinterrad, ermöglicht schlanke Rahmenformen und bietet eine ausreichende Unterstützung. Entsprechend groß ist die Zahl der Anbieter. Hersteller wie Bafang, Mivice oder Mahle sind weit vertreten – daneben existieren aber auch zahlreiche Eigenentwicklungen und White-Label-Lösungen. Was bislang aber fehlte, war einer der ganz großen und etablierten Marktführer.
Mehr als nur ein neuer Motor
Im Mittelpunkt der Neuankündigung steht natürlich erstmal der kompakte Hub Line-Nabenmotor: mit 45 Newtonmetern Drehmoment, einer Leistung von 400 Watt und einem Durchmesser von 10 cm bewegt sich Bosch dabei technisch ungefähr auf Augenhöhe mit den etablierten Wettbewerbern. Ebenso lässt sich der Motor mit typischer Kettenschaltung und als Singlespeed nutzen – sowie mit einer neuen Zweigang-Schaltung, dazu aber weiter unten mehr Details.



Mindestens ebenso interessant ist jedoch das Drumherum. So gehört ein neuer PowerTube 360-Akku mit 360 Wh zum System, der sowohl fest integriert als auch entnehmbar verbaut werden kann. Gerade für urbane E-Bikes ist das ein wichtiger Aspekt. Viele Nutzer laden ihr Fahrrad nicht direkt in der Wohnung oder im Büro, sondern möchten den Akku flexibel mitnehmen können. Gegenüber Systemen wie dem von Mahle, die bislang ausschließlich auf fest verbaute Akkus setzen, eröffnet Bosch hier zusätzliche Möglichkeiten.
Mit dem neuen LED Controller führt Bosch zudem eine überarbeitete Bedieneinheit ein. Sie fällt deutlich kompakter aus als die bisherige LED Remote und lässt sich unauffälliger in den Lenkerbereich integrieren. Gerade bei schlanken Urban Bikes mit reduziertem Design ist das ein echter Fortschritt. Praktisch: Der neue LED Controller bleibt nicht exklusiv der Hub Line vorbehalten, sondern kann künftig auch mit anderen Motoren des Bosch-Systems kombiniert werden.



Weitere Neuheiten betreffen das bestehende Bosch-Ökosystem. So erhält das ConnectModule eine überarbeitete Version, die dank zusätzlicher Bluetooth-Low-Energy-Technologie eine präzisere Ortung des eigenen E-Bikes ermöglichen soll – selbst dort, wo GPS an seine Grenzen stößt. Zudem lässt sich das Modul künftig einfacher nachrüsten. Ebenfalls neu ist das Intuvia 200, ein kompaktes 2,4-Zoll-Display mit klarer Graustufenanzeige, das sich optisch zurückhaltend in moderne E-Bikes integriert und auf eine möglichst einfache Ablesbarkeit setzt.



Kritikpunkte und Innovationen
Doch ganz ohne Kritikpunkte kommt auch die Hub Line nicht aus. Das Gewicht sehen wir dabei noch am ehesten als Randnotiz. Mit 2,3 Kilogramm für den Motor und 2,1 Kilogramm für den Akku bewegt sich das System nicht an der Spitze des Feldes, für den Einsatz in urbanen E-Bikes geht das aber in Ordnung. Entscheidender ist vielmehr ein technischer Aspekt: Bosch verzichtet bei der Hub Line auf einen Drehmomentsensor. Die Unterstützung wird stattdessen über die Trittfrequenz sowie zusätzliche Sensoren für Geschwindigkeit und Steigung gesteuert – die tatsächliche Pedalkraft des Fahrers fließt damit aber nicht direkt in die Regelung ein. Wie sich dies auf das Fahrgefühl auswirkt, zeigt bereits unser erster Fahreindruck zur Hub Line. So viel sei vorweggenommen: Bosch gelingt es durch eine ausgefeilte Software-Abstimmung, das Fehlen eines Drehmomentsensors im Fahrbetrieb häufig gut zu kaschieren. Vollständig ersetzen lässt sich die direkte Messung der tatsächlichen Trittkraft jedoch nicht. In bestimmten Fahrsituationen bleiben Unterschiede zu Systemen mit Drehmomentsensor spürbar.

Eine echte Überraschung hielt Bosch allerdings auch bereit. So lässt sich die Hub Line auch mit einem neuen Zweigang-Getriebe kombinieren, das auf den Standard-Freilauf des Motors montiert wird. Entwickelt wurde die Lösung von Universal Transmissions, dem Unternehmen hinter dem Vertrieb des Gates Carbon Drive-Zahnriemens. Dadurch werden Urban E-Bikes mit Zahnriemenantrieb und minimalistischer Singlespeed-Optik möglich, ohne vollständig auf Schaltkomfort verzichten zu müssen. Die beiden Gänge werden ganz klassisch über einen Schalthebel am Lenker manuell gewechselt.
Erste Modelle bereits vorgestellt
Dass Bosch große Erwartungen an das neue System knüpft, zeigt bereits der Marktstart. Mit Canyon, Gazelle und Moustache wurden beim Lauch Event direkt drei namhafte Hersteller präsentiert, die ihre ersten Modelle auf Basis der Hub Line vorstellten. Gemeinsam haben die Fahrräder ihren klar urbanen Fokus – schlanke und elegante Stadtmodelle, die zudem auch preislich attraktiv positioniert werden.
Moustache – schon seit 14 Jahren enger Entwicklungspartner an der Seite von Bosch – bringt den Klassiker Lundi mit markantem Design und typischem Lenker in einer ganz neuen Generation zu Preisen ab 2.399 Euro. Gazelle liegt mit dem neuen Curb auf demselben Preis-Niveau und Canyon liegt mit dem Roadlite:ON CF für 2.999 Euro zwar etwas darüber – bietet dafür aber ein knapp 14 kg leichtes Bike mit Carbonrahmen.



Vor diesem Hintergrund erscheinen auch die zuvor genannten Kritikpunkte in einem anderen Licht. Bosch wollte mit der Hub Line offenbar weniger einen technischen Überflieger entwickeln, sondern vielmehr ein solides und alltagstaugliches System zu einem bezahlbaren Preis. Genau das spiegelt sich auch in den bislang vorgestellten Fahrrädern wider.
Und vieles spricht dafür, dass dies erst der Anfang ist. Angesichts der starken Marktposition von Bosch dürften weitere Hersteller ihre entsprechenden Modelle in den kommenden Wochen und Monaten ankündigen.
Bosch könnte den Nabenmotor noch relevanter machen
Bosch erfindet mit der neuen Hub Line den Nabenmotor nicht neu und liefert keine Leistungswerte, die die Konkurrenz deutlich übertreffen würden – und trotzdem könnte dieses System den Markt nachhaltig verändern. Die entscheidenden Faktoren heißen Vertrauen und Bekanntheit.
Denn Bosch genießt bei vielen Kunden einen hervorragenden Ruf und ist für zahlreiche Fahrradhersteller die erste Wahl, wenn es um Antriebssysteme geht. Und ähnliches war bereits beim Performance Line SX zu beobachten: Das Konzept leichter E-Bikes existierte schon lange vor Bosch, erhielt durch den Einstieg des Marktführers jedoch deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Genau dieser Effekt könnte nun auch dem Nabenmotor bevorstehen. Die Hub Line verbindet die bekannten Bosch-Komponenten mit den Vorteilen eines kompakten Hinterradantriebs. Dazu gehören die Anbindung an das Bosch-Ökosystem, die App, die vertrauten Fahrmodi sowie zahlreiche Connected Features.
Und: Der neue Antrieb dürfte vergleichsweise preisattraktive E-Bikes ermöglichen – zumindest nach Bosch-Maßstäben. Ein wichtiger Aspekt in einer Zeit, in der viele Hersteller und Kunden stärker auf den Preis achten als noch vor wenigen Jahren.
Fazit
Gerade für den Bereich der Urban E-Bikes ist es höchst erfreulich, dass nun auch Bosch einen Nabenmotor im Portfolio hat. Das sorgt nicht nur für mehr Auswahl, sondern dürfte dieser Antriebsart auch zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen. Schließlich gibt es kaum einen Hersteller, der den E-Bike-Markt ähnlich stark prägt wie die Schwaben.
Die ersten vorgestellten Modelle von Canyon, Gazelle und Moustache zeigen bereits, welches Potenzial die Hub Line besitzt. Leichte, elegante und vergleichsweise erschwingliche E-Bikes passen hervorragend zum Charakter des neuen Systems. Und weitere Ankündigungen dürften nicht lange auf sich warten lassen. Die Chancen stehen daher gut, dass Bosch mit der Hub Line ein Erfolg gelingt.
Wir konnten die neue Hub Line bereits an drei Bikes testen. Den Artikel dazu gibt es hier.





