shimano ep810 e bike system 2027

Neuer Antrieb für E-Bikes

Shimano ist zurück: Aber soll das wirklich reichen?

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Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, doch nun meldet sich Shimano mit dem EP810, der einer neuen Generation ihres E-Bike-Antriebs zurück. Zuletzt hatten die Japaner im Jahr 2022 mit dem EP801 eine überarbeitete Version des bereits 2020 vorgestellten EP8 präsentiert – eher Modellpflege als wirklicher Generationswechsel. Seitdem ist viel passiert, nicht zuletzt hat sich das Marktumfeld grundlegend verändert. Entsprechend groß sind die Erwartungen an den neuen Antrieb. Um es vorwegzunehmen: Shimano liefert einige überfällige Neuerungen, setzt damit aber kaum neue Maßstäbe.

Während Shimano sich in den vergangenen Jahren weitgehend zurückhielt und lediglich zwei leistungsschwächere Varianten seiner EP-Serie nachlegte, entwickelte sich die Konkurrenz mit bemerkenswertem Tempo weiter. Bosch stellte 2024 die fünfte Generation seines Performance Line CX vor und erweiterte das Portfolio anschließend um weitere Antriebe, darunter den Performance Line PX oder die neue Modellreihe um den Performance Line und Active Line Plus. Gleichzeitig sorgten neue Anbieter für Bewegung im Markt. Allen voran Avinox, das mit seinen leistungsstarken und konsequent digitalisierten Antriebssystemen innerhalb kürzester Zeit zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz für die etablierten Hersteller geworden ist. Und mit Gobao drängt bereits ein weiterer Anbieter auf den Markt, der die etablierten Kräfteverhältnisse herausfordern wird.

Dabei war der bisherige EP801 keineswegs ein schlechter Motor. Gerade seine kompakte Bauweise, das vergleichsweise geringe Gewicht und die natürliche und trotzdem kräftige Leistungsentfaltung konnten durchaus überzeugen. Dass das System inzwischen in die Jahre gekommen war, zeigte sich vorrangig an seinem Umfeld. Die Bedienelemente wirkten zunehmend überholt, die Displays wenig zeitgemäß und auch bei der App-Anbindung sowie den Möglichkeiten zur individuellen Konfiguration hatten andere Hersteller längst mehr zu bieten. Nicht unbedingt der Motor selbst, sondern das gesamte Ökosystem hatte den Anschluss an die Spitze verloren.

Umso erfreulicher ist es, dass Shimano nun wieder aktiv wird. Allerdings wirft bereits die Art der Vorstellung einige Fragen auf. Statt einer selbstbewussten Präsentation mit entsprechendem Nachdruck erfolgte die Ankündigung eher beiläufig, im Zusammenhang mit zwei neuen E-Mountainbikes von Honda und Orbea. Hinzu kommt, dass offenbar noch nicht alle Details des Antriebs finalisiert sind. So soll unter anderem die Geräuschentwicklung bis zur Markteinführung weiter optimiert werden. Für einen Hersteller von Shimanos Bedeutung wirkt dieser Auftritt erstaunlich zurückhaltend – gerade angesichts der langen Entwicklungszeit und des inzwischen deutlich verschärften Wettbewerbs.

Mehr Leistung, aber keine neuen Bestwerte

Auf dem Papier kann sich der neue Antrieb durchaus sehen lassen: Shimano nennt ein maximales Drehmoment von 100 Nm und eine Spitzenleistung von 750 Watt. Gleichzeitig soll der Motor nun lediglich 2,3 Kilogramm wiegen. Das sind ordentliche Werte gegenüber dem Vorgänger, der 85 Nm Drehmoment bei 600 Watt Leistung bietet und rund 2,7 kg wiegt. Für einen wirklichen Paukenschlag reichen sie allerdings nicht. Die Konkurrenz bietet längst vergleichbare oder teilweise deutlich höhere Leistungsdaten, ohne dabei wirklich wesentlich schwerer auszufallen – zumindest wenn man das Gewicht des Gesamtsystems inklusive Akku betrachtet.

shimano ep810 motor
Mit 100 Nm Drehmoment, bis zu 750 Watt Leistung und nur 2,3 Kilogramm Gewicht bietet Shimanos neuer Antrieb solide Leistungsdaten, setzt damit aber keine neuen Maßstäbe.

Hinzu kommen die hervorgehobenen Funktionen Auto Shift und Free Shift, die in Verbindung mit kompatiblen elektronischen Schaltungen automatische Gangwechsel beziehungsweise Schaltvorgänge ohne Pedalieren ermöglichen. Beides sind durchaus willkommene Komfortfunktionen, allerdings keine grundlegenden Neuerungen – schließlich bietet Shimano diese Technologien bereits seit einigen Jahren an.

Allerdings sagen reine Leistungsdaten nur bedingt etwas über die tatsächlichen Qualitäten eines Antriebs aus. Entscheidend ist schließlich auch, wie feinfühlig sich die Leistung dosieren lässt, wie effizient der Antrieb arbeitet und wie sich seine Geräuschkulisse im Alltag darstellt. Hier konnte Shimano bislang durchaus punkten, musste allerdings auch Kritik an der Geräuschentwicklung einstecken. Wie sich das neue System in diesen Bereichen schlägt, wird sich aber erst zeigen, wenn die ersten Serienmodelle verfügbar sind.

Überfällige Modernisierung bei Display und Bedienung

Sichtbar werden die Fortschritte beim Bedienkonzept. Shimano präsentiert ein neues, ins Oberrohr integriertes Display sowie eine weitere Variante zur Montage am Lenker. Beide Lösungen wirken aufgeräumter und zeitgemäßer als die bisherigen Anzeigen, bleiben funktional aber eher konventionell. Eine Touch-Bedienung, wie beider Konkurrenz teils verfügbar, ist beispielsweise ist nicht vorgesehen.

Erfreulich fällt die Überarbeitung der Bedienelemente aus. Die neue Lenkerfernbedienung wirkt deutlich moderner und weniger fummelig als die bisherigen Lösungen. Ein Nachfolger für die inzwischen veraltete kombinierte Display-Taster-Einheit wurde allerdings nicht vorgestellt. Hier bleibt zu hoffen, dass Shimano noch eine zeitgemäße Alternative nachreichen wird.

Auch die neue Shimano Connect-App macht einen wesentlich zeitgemäßeren Eindruck und erweitert den Funktionsumfang deutlich. Neben der individuellen Konfiguration des Antriebs und der Einstellung der automatischen Unterstützungsfunktion ermöglicht sie die Aufzeichnung von Fahrdaten, bietet eine digitale Schlossfunktion und übernimmt Software-Updates automatisch.

Auch beim Akku bleibt Luft nach oben

Passend zum neuen Motor stellt Shimano einen Akku mit 720 Wh Kapazität vor, dessen angegebenes Gewicht von rund 4,1 Kilogramm fällt allerdings nicht besonders niedrig aus. Und auch die Ladeleistung gibt wenig Anlass zur Begeisterung: Mit Ladegeräten von 2 beziehungsweise 4 Ampere bleibt Shimano bei einer vergleichsweise konventionellen Lösung, während andere Hersteller inzwischen deutlich leistungsfähigere Schnellladesysteme anbieten.

shimano ep810 akku 720wh
Der neue Akku bietet 720 Wh Kapazität bei einem Gewicht von rund 4,1 Kilogramm. Bei Gewicht und Ladegeschwindigkeit bleibt noch Luft nach oben.

Gerade bei einem neu entwickelten Antriebssystem wäre hier mehr zu erwarten gewesen. Denn längst geht es nicht mehr allein um möglichst große Akkukapazitäten, sondern ebenso um Energiedichte, Gewicht, Ladegeschwindigkeit und die flexible Integration in unterschiedliche Fahrradkonzepte. Weitere Akkuvarianten hat Shimano bislang nicht vorgestellt. Immerhin bleibt den Fahrradherstellern die Möglichkeit, eigene Energiespeicher einzusetzen. Orbea beispielsweise nutzt diese Freiheit bereits, um seine E-Bikes mit individuell abgestimmten Akkulösungen auszustatten.

Und was ist mit City- und Cargo-Bikes?

Wenig überraschend konzentriert sich Shimano auch mit der neuen Antriebsgeneration wieder auf das E-Mountainbike-Segment. Dabei stellt sich durchaus die Frage, mit welchen besonderen Qualitäten man sich gerade in diesem hart umkämpften Markt von der Konkurrenz abheben möchte. Die ersten angekündigten Modelle von Honda und Orbea stammen aus genau diesem Bereich, konkrete Perspektiven für den Einsatz in urbanen E-Bikes oder Lastenrädern bleiben dagegen aus.

Dabei könnte Shimano gerade im urbanen Segment seine Stärken ausspielen, wo eine harmonische Unterstützung, kompakte Bauweise und unkomplizierte Bedienung häufig wichtiger sind als maximale Motorleistung. Stattdessen scheint sich der Hersteller vor allem darauf zu konzentrieren, im angestammten Markt wieder konkurrenzfähig zu werden. Eine darüber hinausgehende Strategie ist bislang aber nicht erkennbar.

Fazit: Ein Lebenszeichen, aber kein Befreiungsschlag

Dass Shimano nach Jahren vergleichsweise geringer Innovationsaktivität wieder einen neuen Antrieb präsentiert, ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Mehr Leistung, modernere Bedienelemente, neue Displays und eine überarbeitete App waren längst überfällig. Der neue Antrieb bringt das System damit in wichtigen Bereichen wieder näher an den aktuellen Stand der Technik.

Enttäuschend bleibt allerdings, wie wenig Shimano darüber hinaus zu bieten scheint. Weder bei den Leistungsdaten noch beim Akku oder der digitalen Integration sind bislang echte Highlights erkennbar. Selbst die ungewöhnlich zurückhaltende Präsentation vermittelt nicht unbedingt den Eindruck eines Herstellers, der mit einer neuen Generation selbstbewusst die technologische Führung zurückerobern möchte. Vielleicht liegt genau darin auch der Grund für die eher beiläufige Veröffentlichung.

Dabei ist der Wettbewerbsdruck heute größer denn je. Neue Anbieter wie Avinox oder Gobao drängen mit ambitionierten Konzepten auf den Markt, während selbst Bosch seine etablierte Position durch kontinuierliche Weiterentwicklungen verteidigen muss. Shimano dagegen scheint nach langer Pause vor allem damit beschäftigt zu sein, verlorenen Boden gutzumachen.

Ob das ausreicht, wird sich zeigen. Denn auch wenn ein guter Motor nicht zwangsläufig mit Rekordwerten glänzen muss, entscheidet heute längst das Zusammenspiel aus Antrieb, Akku, Bedienung und digitalen Funktionen über die Attraktivität eines E-Bike-Systems. Und genau dort bleibt Shimano trotz der Neuerungen noch einiges schuldig. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahre stellt sich deshalb unweigerlich die Frage, woran die Japaner während dieser Zeit gearbeitet haben – und welche Rolle sie im E-Bike-Markt künftig eigentlich spielen wollen.

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