Auf der Eurobike sorgte Hepha mit einer auffälligen Konzeptstudie für zahlreiche neugierige Blicke. Urban X heißt das futuristisch anmutende E-Bike, das die Vorstellung der Marke von urbaner Mobilität auf den Punkt bringen soll. Der Leitgedanke dahinter lautet: radikal simpel. Gemeint ist damit nicht nur eine möglichst einfache Bedienung während der Fahrt, sondern ebenso ein unkomplizierter Umgang mit dem Fahrrad im Alltag. Laden, Abstellen oder Diebstahlschutz sollen möglichst wenig Aufmerksamkeit erfordern – stattdessen soll man einfach aufsteigen und losfahren können.
Technik von morgen – mit Komponenten von heute
Spannend ist dabei vor allem, dass Urban X keineswegs auf ferne Zukunftstechnologien setzt. Vielmehr basiert die Studie auf Komponenten, die bereits erhältlich oder in Kürze verfügbar sein werden. Genau deshalb wirkt das Konzept erstaunlich seriennah.
Herzstück ist der neue Hepha X-Antrieb, eine Variante des neuen Gobao X1-Systems, das Motor und Getriebe in einer gemeinsamen Einheit vereint. Statt klassischer Gangsprünge arbeitet das System mit einer stufenlos veränderbaren Übersetzung. Hinzu kommt eine Automatikfunktion, die Übersetzung und Übersetzungsverhältnis permanent an Geschwindigkeit, Trittfrequenz und Streckenprofil anpasst. Individuelle Einstellungen lassen sich zwar per App verändern, im Alltag übernimmt das System jedoch sämtliche Entscheidungen selbst.
Konsequenterweise verzichtet Hepha daher auch nahezu vollständig auf Bedienelemente am Lenker. Lediglich ein zentral platzierter Knopf dient als Ein- und Ausschalter sowie zur Anzeige des Akkustands. Das Thema der elektrischen Unterstützung wird damit auf das Wesentliche reduziert.
Rekuperation mit praktischem Nebeneffekt
Eine Besonderheit integriert Hepha zusätzlich in den Antrieb. Der Motor kann beim Rollen oder Bergabfahren als Generator arbeiten und Energie zurück in den Akku speisen. Große Reichweitengewinne sollte man dadurch allerdings nicht erwarten – das räumt auch Hepha selbst ein. Der eigentliche Vorteil liegt an anderer Stelle: durch die Rekuperation entsteht eine spürbare Bremswirkung, vergleichbar mit der Motorbremse eines Autos. Wer vorausschauend fährt, kann sich so beispielsweise einer roten Ampel nähern, während das Bike kontrolliert bis zum Stillstand abbremst. Die klassischen Bremsen bleiben selbstverständlich erhalten – einerseits aus gesetzlichen Gründen, andererseits für Situationen, in denen eine schnelle Vollbremsung erforderlich ist.



Schnellladen und Sicherheit konsequent integriert
Auch beim Energiemanagement verfolgt Urban X einen ungewöhnlichen Ansatz. Der 560 Wh-Akku sitzt unter der langen Sitzbank und lässt sich nach hinten entnehmen. Im Alltag dürfte das jedoch häufig gar nicht nötig sein. Statt eines externen Ladegeräts befindet sich dieses direkt im Fahrrad. Das neue Gobao-Ladesystem arbeitet mit bis zu 1.500 Watt und soll den Akku innerhalb von lediglich 15 Minuten auf 80 Prozent laden. Zum Aufladen genügt somit ein normales Netzkabel – ein separates Ladegerät muss weder transportiert noch zu Hause gesucht werden. Die Tesla-ähnliche Ladesäule am Messestand verdeutlichte diesen Ansatz anschaulich. Gleichzeitig unterstreicht sie Hephas Vision, dass künftig auch im öffentlichen Raum oder auf Parkplätzen von Supermärkten Lademöglichkeiten für E-Bikes selbstverständlich werden könnten. Damit würde das Laden ähnlich unkompliziert funktionieren wie heute bereits bei Elektroautos.
Ebenso durchdacht wirkt das Sicherheitskonzept. Im Vorderrad sitzt eine mechanische 2Lock-Wegfahrsperre, die das Rad blockiert und ein Wegschieben verhindert. Ergänzt wird sie durch Alarmfunktion, GPS-Tracking und Smartphone-Benachrichtigungen. Die Sitzbank lässt sich zudem komplett abnehmen, um sie vor Witterung oder Vandalismus zu schützen.



Seriennah – mit ein paar offenen Fragen
Trotz des überzeugenden Gesamteindrucks zeigt Urban X an einigen Stellen deutlich, dass es sich noch um eine Studie handelt. So lässt sich die Sitzhöhe derzeit nicht verstellen. Die lange Sitzbank ermöglicht zwar unterschiedliche Sitzpositionen in Längsrichtung, unterschiedliche Körpergrößen lassen sich damit jedoch nur begrenzt ausgleichen. Das Cockpit ist ebenfalls starr ausgeführt, wobei eine Höhenverstellung vergleichsweise einfach realisierbar erscheinen dürfte.
Noch wichtiger ist allerdings die Frage nach den Transportmöglichkeiten. Hepha sieht aktuell eine verschließbare Frontbox vor, die ähnlich wie ein kleiner Kofferraum funktioniert. Für ein alltagstaugliches Stadtrad wäre jedoch eine zusätzliche und flexiblere Lösung wünschenswert – etwa die Möglichkeit, zusätzlich Gepäckträger oder Packtaschen am Heck zu montieren.
Dennoch macht Urban X bereits heute einen erstaunlich serienreifen Eindruck. Tatsächlich plant Hepha nach eigenen Angaben eine Umsetzung, allerdings zunächst als Ergänzung des bestehenden Modellprogramms und nicht als Ersatz der aktuellen Urban- oder City-Bikes. Besonders spannend ist dabei die angepeilte Preispositionierung: Trotz der innovativen Technik soll das Serienmodell für unter 3.000 Euro angeboten werden. Gelingt dieses Vorhaben, könnte Urban X nicht nur mit seinem ungewöhnlichen Konzept, sondern auch mit einer vergleichsweise erschwinglichen Preisgestaltung auf sich aufmerksam machen.
Erster Fahreindruck zeigt großes Potenzial
Auch eine erste Testfahrt mit dem Prototypen war bereits möglich. Besonders beeindruckend arbeitete dabei die stufenlose Automatik des Gobao-Antriebs. Die Anpassung der Übersetzung erfolgt so schnell, sanft und geräuschlos, dass sie während der Fahrt praktisch nicht wahrnehmbar ist. Obwohl das Fahrrad kontinuierlich schneller wird, bleibt die Trittfrequenz nahezu konstant. Gleichzeitig verändert sich auch die Geräuschkulisse kaum.
Eindrucksvoll präsentierte sich auch die Rekuperationsfunktion im Fahrbetrieb. Rund eine Sekunde nachdem man aufhört zu treten, setzt die Bremswirkung ein. Sie beginnt zunächst sanft und baut sich anschließend kontinuierlich auf, bis das Fahrrad schließlich vollständig zum Stillstand kommt. Dieses Fahrgefühl ist anfangs ungewohnt, nach wenigen Metern lässt sich jedoch bereits erahnen, welches Potenzial darin steckt. Gerade im Stop-and-go-Verkehr einer Stadt dürfte man die Funktion schnell zu schätzen wissen, da sich viele Bremsvorgänge allein über die Motorbremse einleiten und dosieren lassen.

Natürlich handelt es sich dabei lediglich um einen ersten Eindruck auf wenigen flachen Testrunden mit einem Prototypen. Dennoch hinterließ das System bereits einen sehr vielversprechenden Eindruck. Die Fragezeichen in Sachen Ergonomie bestätigten sich dagegen auch zumindest teilweise. Für einen Fahrer mit rund 1,85 Meter Körpergröße wirkte die Sitzbank etwas zu niedrig und zudem ungewohnt breit. Für kurze Strecken dürfte das kaum problematisch sein, auf längeren Fahrten wären jedoch zusätzliche Einstellmöglichkeiten nötig.
Fazit
Mit Urban X präsentiert Hepha weit mehr als eine reine Designstudie. Das Konzept greift zahlreiche Alltagsthemen auf und verbindet automatische Schaltung, Schnellladen und ein umfangreiches Sicherheitskonzept zu einem stimmigen Gesamtpaket. Bemerkenswert ist vor allem, dass die zugrunde liegende Technik größtenteils bereits serienreif ist. Sowohl der Gobao-Antrieb mit stufenloser Automatik als auch die Schnellladetechnologie stehen kurz vor der Markteinführung. Auch das Sicherheitskonzept kommt in ähnlicher Form bereits beim neuen Hepha Urban 8 Ultra zum Einsatz.
Die eigentliche Stärke von Urban X liegt deshalb weniger in einzelnen Innovationen als in deren konsequenter Integration. Zusammen mit dem eigenständigen Design entsteht eine Konzeptstudie, die überraschend nah an einem möglichen Serienmodell wirkt – und genau deshalb besonders spannend ist.




