Die Fahrradindustrie steckt weiterhin in einer anhaltenden Krise. Nach dem Nachfragehoch während der Pandemie kämpfen viele Hersteller noch immer mit sinkenden Verkaufszahlen, hohen Kosten und strukturellen Problemen. Besonders schwierig ist die Lage für junge Unternehmen, deren Geschäftsmodelle stark auf Wachstum und regelmäßige Finanzierungsrunden ausgerichtet waren.
Wie schnell es kritisch werden kann, zeigte der Fall VanMoof, das im Sommer 2023 Insolvenz anmelden musste, später jedoch von neuen Eigentümern übernommen und nach einer tiefgreifenden Neuausrichtung wieder an den Markt zurückkehrte. Die Hintergründe dazu hatten wir ausführlich in diesem Artikel beleuchtet.
Ein vergleichbares Szenario zeichnet sich nun beim belgischen E-Bike-Hersteller Cowboy ab, der vor allem für seine vernetzten, softwaregetriebenen Urban Bikes bekannt ist.
Übernahme angekündigt – aber noch nicht abgeschlossen
Im September 2025 hatte Cowboy öffentlich gemacht, dass das Unternehmen von der französischen Rebirth Groupübernommen werden soll. Die Ankündigung wurde zunächst als Rettung interpretiert. Inzwischen ist jedoch klar: Der Deal ist bislang nicht abgeschlossen – und die Bedingungen der geplanten Sanierung sorgen für erhebliche Unruhe.
Der von Rebirth ausgearbeitete Restrukturierungsplan sieht vor, dass die bisherigen Beteiligungen nahezu vollständig entwertet werden. Die existierenden Aktien sollen in anteilsarme, stimmrechtslose Wertpapiere umgewandelt werden, die nur noch einen symbolischen Wert besitzen. Wirtschaftlich würde Cowboy damit praktisch neu gestartet – mit einer Bewertung von null Euro.
Private Unterstützer besonders hart getroffen
Am stärksten trifft dieses Vorgehen die vielen privaten Geldgeber, die Cowboy in den vergangenen Jahren über Crowdfunding finanziert haben. Allein bei der jüngsten Kampagne im Herbst 2024 beteiligten sich zahlreiche Unterstützer. Insgesamt flossen über fünf Crowdfunding-Runden rund 10 Millionen Euro in das Unternehmen.
Trotz dieses Engagements halten diese Investoren zusammengenommen lediglich etwa fünf Prozent der Firmenanteile. Deutlich größere Pakete liegen bei internationalen Wagniskapitalgebern wie Index Ventures oder der Beteiligungsgesellschaft Exor, die seit dem Markteintritt von Cowboy im Jahr 2017 zusammen mehr als 134 Millionen Euro investierten. Auch diese Großinvestoren müssten im Rahmen der Sanierung erhebliche Abschreibungen hinnehmen.

Massive Verluste als Hauptgrund
Die harte Haltung der Rebirth Group stützt sich auf Cowboys wirtschaftliche Lage. Aus dem Geschäftsbericht für 2024 geht hervor, dass der Umsatz um rund 30 Prozent auf 21,7 Millionen Euro zurückging. Gleichzeitig erhöhte sich das Jahresdefizit auf 21,2 Millionen Euro – damit lag der Verlust nahezu auf Höhe der Erlöse.
Seit der Gründung summieren sich die Fehlbeträge auf mehr als 123 Millionen Euro. Parallel dazu ist der Schuldenstand auf etwa 56 Millionen Euro angewachsen. Aus Sicht der potenziellen Käufer ist das bestehende Unternehmen unter diesen Voraussetzungen kaum noch tragfähig.
Hoffnung durch Branchenexpertise
Trotz der düsteren Zahlen gibt es auch einen Lichtblick. Mit der Rebirth Group steigt ein Investor ein, der über langjährige Erfahrung im Fahrrad- und Mobilitätsgeschäft verfügt und mehrere etablierte Marken unter seinem Dach vereint. Künftig sollen vor allem Synergien in Einkauf, Produktion und Vertrieb genutzt werden.
Ein wesentlicher Bestandteil der neuen Strategie ist der Abschied vom reinen Direktvertrieb. Künftig sollen Cowboy-Bikes stärker über den klassischen Fachhandel verkauft werden, um neue Kundengruppen zu erreichen. Darüber hinaus plant Rebirth, die Software- und Technologiekompetenz von Cowboy auch für andere Marken innerhalb der Gruppe einzusetzen.
Ausblick
Cowboy steht exemplarisch für die Lage vieler E-Bike-Startups: innovative Produkte, starke Marke – aber ein Geschäftsmodell, das den Realitäten des Marktes bislang nicht standhalten konnte. Ob die Restrukturierung unter dem Dach der Rebirth Group den dringend benötigten Neustart bringt, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Für Investoren, insbesondere für die vielen Crowdfunder, markiert dieser Schritt einen herben Einschnitt. Und für die Branche ein weiteres Warnsignal.





